Ab 2026 wird die Forschungsgruppe FOR 5837 | Von Aufstieg und Untergang (Times of Rise and Failure) (TORF) – Integrative Forschung zur Kulturlandschaftsentwicklung in der nordfriesischen Wattenmeerregion während der letzten zwei Jahrtausende – die systematische multidisziplinäre Untersuchung und die räumlich-zeitliche Rekonstruktion der mittelalterlichen Küstenlandschaft Nordfriesens (Schleswig-Holstein, Deutschland), die 1362 n. Chr. bei einer schweren Sturmflut versank. Heute liegen zahlreiche Relikte des einst bewirtschafteten Landes verborgen im Watt, das Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Wattenmeer“ ist, das sich von den Niederlanden bis nach Dänemark erstreckt.
Im Rahmen von TORF bündeln Wissenschaftler aus den Bereichen Archäologie, Geophysik, Geografie, Geologie, Geschichte, Molekularbiologie und Geoinformatik ihr Fachwissen in einem interdisziplinären Team, das aus intensiver gemeinsamer Forschung im Wattenmeer seit 2015 im Rahmen von drei verschiedenen DFG-geförderten Forschungsprojekten hervorgegangen ist. Die Forschung gipfelte 2023 in der Entdeckung einer großen Kirche, wahrscheinlich der berühmten Kirche von Rungholt, etwa 7 km vor der Küste der Halbinsel Nordstrand.
Das Wattenmeer ist ein weltweit einzigartiges Ökosystem in einer äußerst dynamischen Küstenlandschaft. Es ist jedoch auch das Relikt einer Kulturlandschaft, die stark vom Menschen geprägt wurde. Vor allem seit dem Mittelalter führten die Bemühungen, die tief liegenden Küstengebiete zu kultivieren, entlang der gesamten südlichen Nordseeküste zu einer ähnlichen Kulturlandschaft, einschließlich Deichen, Entwässerung und Torfgewinnung. Doch der menschliche Einfluss gipfelte in einer Reihe sich selbst verstärkender Prozesse wie Landabsenkung sowie erhöhtem Tidenhub und Sturmflutpegel, wodurch die Landschaft äußerst anfällig wurde.
In Nordfriesland begannen systematische großflächige Eingriffe erst im 12. Jahrhundert n. Chr. und führten innerhalb von zwei Jahrhunderten zur Umwandlung einer natürlichen Küstenumgebung in eine hochproduktive, aber auch empfindliche Kulturlandschaft. Durch die Auswirkungen natürlicher Extremereignisse ging ein Großteil des eingedeichten Kulturlandes Nordfrieslands während der sogenannten 1. Grote Mandränke im Jahr 1362 n. Chr. verloren und verwandelte sich in eine Sub- und Gezeitenlandschaft. Bis heute steht Nordfriesland als eindrucksvolles Symbol für die verheerenden Auswirkungen von Sturmfluten.
Trotz unserer bedeutenden Forschungsfortschritte im letzten Jahrzehnt ist die mittelalterliche Landschaft Nordfrieslands noch lange nicht vollständig erforscht. Wichtige, bislang noch offene Fragen betreffen (i) die Ausdehnung und das Erscheinungsbild der Kulturlandschaft vor dem Jahr 1362 n. Chr., (ii) die Entwicklung des Meeresspiegels als Ausgangspunkt für die Landgewinnung, (iii) den Einfluss von Extremereignissen und Anpassungsstrategien gegen diese, (iv) den menschlichen Einfluss durch Besiedlung, Bewirtschaftung und Landnutzung, (v) die soziale, politische, kirchliche und wirtschaftliche Organisation, (vi) die Auswirkungen des menschlichen Einflusses auf die allgemeine Anfälligkeit der Küste sowie (vii) die Kosten und Nutzen der Landgewinnung oder Gründe für deren Aufgabe.
Da weite Teile der überfluteten Landschaft nach 1362 n. Chr. nicht zurückgewonnen wurden, fungieren sie als „Zeitkapsel“, und die weitreichend erhaltenen archäologischen Überreste sind von enormem Wert für das kulturelle Erbe Nordfrieslands und der gesamten Wattenmeerregion. Die wichtigsten Ziele sind (i) die Erfassung, Rekonstruktion und Erforschung der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt, (ii) das Verständnis für den Erfolg und das Scheitern menschlicher Bemühungen, Ressourcen zu sichern, Siedlungsaktivitäten auszuweiten und den Landverlust durch Extremereignisse zu bekämpfen, sowie (iii) ein besseres Verständnis des kulturellen und natürlichen Erbes der Region und die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für Küstenrisiken.
The TORF Research Unit combines seven subprojects and the coordination:
SP1 konzentriert sich auf die materiellen Überreste früherer menschlicher Besiedlung in Form von archäologischen Objekten, Siedlungsmerkmalen und Stratigraphie in der nordfriesischen Wattenmeerregion, um die komplexen mittelalterlichen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in der Region sowie deren Zusammenhang mit den erheblichen Landverlusten bei Sturmfluten zu untersuchen.
SP2 entwickelt und wendet einen integrativen geophysikalischen Erkundungsansatz für die überflutete mittelalterliche Kulturlandschaft im nordfriesischen Wattenmeer an, der verschiedene Maßstäbe miteinander verbindet, indem er regionale Stratigraphie und Küstenschutzmaßnahmen mit lokalen Siedlungsstrukturen verknüpft..
SP3 konzentriert sich auf Böden und Sedimente als wertvolle Geoarchive, um natürliche Dynamiken und Küstenlandschaften zu rekonstruieren, komplexe mittelalterliche Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt in der nordfriesischen Wattenmeerregion zu untersuchen und deren Zusammenhang mit großen Landverlusten während Sturmfluten wie der „Grote Mandränke“ von 1362 zu entschlüsseln.
Im Rahmen des Projekts SP4 werden lokale und regionale Veränderungen des Meeresspiegels untersucht, indem auf der Grundlage von Mikrofauna gewonnene Übertragungsfunktionen auf Sedimentarchive aus dem Holozän angewendet werden. Ziel ist es, die Entwicklung des Meeresspiegels in Nordfriesland sowie dessen Zusammenhänge mit der menschlichen Besiedlung und frühen Küstenbeeinflussungsmaßnahmen besser zu verstehen.
SP5 beleuchtet die noch lückenhafte mittelalterliche Geschichte Nordfrieslands anhand zeitgenössischer schriftlicher Quellen in Verbindung mit archäologischen Funden und geowissenschaftlichen Erkenntnissen, um die gesellschaftspolitischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Strukturen sowie die Entwicklung der Region besser zu verstehen.
SP6 rekonstruiert mittelalterliche Landnutzungspraktiken wie Ackerbau und Viehzucht sowie deren regionale Unterschiede und Intensität, indem es Analysen von fäkalen Lipidbiomarkern (FML) und alter Sediment-DNA (sedDNA) aus Sedimenten der mittelalterlichen Bodenoberfläche kombiniert und die Extraktionsmethoden optimiert.
SP7 entwickelt eine verteilte Dateninfrastruktur für alle TORF-Projekte und stellt diese nach den FAIR-Prinzipien bereit.
Das Projekt wendet einen digitalen Ansatz auf die mittelalterliche Küstenlandschaft Nordfrieslands und deren Entwicklung an, basierend auf der Analyse heterogener Datensätze (z. B. Luftbilder, Fernerkundungs- und geophysikalische Prospektionsdaten, historische Karten).
Die Koordination bildet den wissenschaftlichen und administrativen Rahmen des TORF, um die übergeordneten Ziele der Forschungseinheit zu erreichen. Sie gewährleistet die Zusammenarbeit der sieben Teilprojekte und steuert die gemeinsamen Forschungsaktivitäten. Die Einbindung externer Partner, Interessengruppen und kooperierender Wissenschaftler steht im Mittelpunkt der Koordination.
Da weite Teile der versunkenen Landschaft Nordfrieslands nach 1362 nicht trockengelegt wurden, fungieren die Wattflächen als „Zeitkapsel“, die Einblicke in mittelalterliche Besiedlungstechniken und die damalige Küstenschutzinfrastruktur (z. B. Struktur der landwirtschaftlichen Flächen, Siedlungsdichte, Entwässerungssysteme, Größe von Deichen und Sielanlagen), wirtschaftliche Aktivitäten und soziopolitische Strukturen (z. B. Landnutzung und -bewirtschaftung, Handelsaktivitäten, Größe/Verteilung von Pfarreien). Das archäologische Potenzial und der Wert des Wattes wurden bereits vor den 1970er Jahren weitgehend anerkannt, als es zum Ausgrabungsschutzgebiet erklärt wurde.
Die im Watt erhaltenen mittelalterlichen archäologischen Überreste sind nicht nur für das kulturelle Erbe Nordfrieslands, sondern für die gesamte Wattenmeerregion von enormem Wert. Jüngste Studien zeigen jedoch, dass die Gezeitendynamik innerhalb weniger Jahre zur Erosion archäologischer Stätten und Sedimentarchive führen kann. Der beschleunigte Anstieg des Meeresspiegels und häufigere Sturmereignisse werden diese Freilegungs- und Erosionsprozesse verstärken und machen die Forschung auf diesem Gebiet somit zu einer äußerst dringlichen Angelegenheit. Während der Klimawandel weithin als Bedrohung für den Küstenschutz, die Ökosysteme und den Erholungswert anerkannt ist, werden die Auswirkungen auf archäologische Überreste im Wattenmeergebiet kaum beachtet, und die langfristigen Folgen sind noch ungewiss.
In den letzten 100 Jahren haben regelmäßige archäologische Untersuchungen, Forschungsprojekte und eine lange lokale Tradition der Bürgerwissenschaft zu unserem heutigen Verständnis der mittelalterlichen Küstenlandschaft und Gesellschaft Nordfrieslands beigetragen. Doch mit mehr als 1.500 km² Wattfläche, der schieren Größe des Gebiets, den vorherrschenden natürlichen Bedingungen (Gezeiten, Wetter, Zugänglichkeit) und einer dicken Sedimentschicht, die die meisten Funde bedeckt, verhinderten diese Faktoren bislang systematische und groß angelegte Untersuchungen, was einen neuartigen Ansatz erforderlich machte.
Seit 2015 entwickeln und wenden wir den sogenannten „Fallstudien“ Ansatz an, um die versunkene mittelalterliche Landschaft Nordfrieslands zu erforschen. Auf der Grundlage unserer langjährigen Expertise in der Wattenmeerforschung haben wir diesen interdisziplinären Ansatz kontinuierlich an die spezifischen Herausforderungen der großräumigen Rekonstruktion (mittelalterlicher) Landschaften in Watt- und Küstenfeuchtgebieten angepasst.
Der „Fallstudien“ Ansatz kombiniert zunächst geophysikalische Prospektion, geoarchäologische Untersuchungen und archäologische Prospektion in gemeinsamer Feldarbeit und Datenauswertung und ermöglicht eine diachrone, großräumige, systematische Prospektion von Kulturdenkmälern, die im Watt erhalten, aber verborgen sind. Unser Ansatz ermöglicht eine detaillierte Identifizierung von Funktionsräumen wie Siedlungen und Ackerland – unabhängig von Zufallsfunden. Die Fallstudie Rungholt diente als Modell für die neue, systematische, methodenübergreifende Prospektion ganzer Siedlungen, eingebettet in ihre umgebende Kulturlandschaft.
Magnetic gradiometry, (2D & 3D) seismic imaging, electromagnetic induction (EMI) or electric resistivity tomography (ERT) measurements allow the detection, precise localisation and imaging of archaeological remains and their physical parameters covered by recent tidal flat sediments as well as stratigraphic information, in close methodological feedback with geoarchaeological investigations and archaeological prospection.
Sediment coring, Direct Push sensing, the analysis of sedimentary, geochemical and microfaunal palaeoenvironmental parameters (PEP) as well as radiocarbon and dendrochronological dating allow the spatio-temporal reconstruction of the natural as well as human-influenced landscape development over the past millennia as well as the evaluation of geophysical prospection data.
Regular survey (including metal detector survey, recovery of finds, drone imaging and DGPS mapping) and small excavations of both exposed and covered remains, the evaluation of archived data and finds as well as the contextualisation of geoscientific results give insights to the medieval way of life in the coastal marshes.
Die Komplexität des Wattarchivs bietet das einzigartige Potenzial für eine räumlich-zeitliche Rekonstruktion der mittelalterlichen Küstenlandschaft Nordfrieslands. Dies lässt sich jedoch insgesamt nur durch eine systematische, multidisziplinäre Untersuchung großer Teile des nordfriesischen Gebiets erreichen. Eine fundierte Rekonstruktion erfordert zudem detaillierte und umfassende Kenntnisse über komplexe sozio-ökologische Schlüsselfaktoren auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Skalen: natürliche Küstendynamik, Meeresspiegeländerungen und Extremereignisse, Landgewinnungstechniken und Küstenschutzmaßnahmen, Siedlungsaktivitäten und wirtschaftliche Praktiken sowie Hinweise auf soziale, politische und wirtschaftliche Motive.
Bisherige Rekonstruktionen des relativen Meeresspiegels (RSL) entlang der südlichen Nordseeküste basieren hauptsächlich auf dem „klassischen Torf“-Ansatz, was aufgrund fehlender Torfvorkommen zu einer Datenlücke für die letzten 3000 Jahre geführt hat. Die Verwendung von auf Mikrofauna basierenden Transferfunktionen, die Foraminiferen und Ostrakoden kombinieren, stellt ein leistungsfähiges Instrument dar, um diese Datenlücke zu schließen und RSL-Rekonstruktionen mit einer Genauigkeit im Dezimeterbereich zu erzielen. Ergänzt durch archäologische, geophysikalische und geoarchäologische Prospektionsdaten vor Ort ist die RSL-Rekonstruktion unerlässlich, um sowohl allmähliche als auch schnelle Küstenveränderungen in Nordfriesland und deren Zusammenhang mit menschlichen Aktivitäten vollständig zu verstehen.
Dokumente aus verschiedenen europäischen Archiven sowie eine Auswertung der Fachliteratur werden den historischen Rahmen des mittelalterlichen Nordfrieslands liefern.
Wesentliche Aspekte der soziokulturellen, wirtschaftlichen, kirchlichen, administrativen und politischen Organisation in der mittelalterlichen Geschichte Nordfrieslands sind noch weitgehend unbekannt. Anhand historischer Quellen sollen neue Erkenntnisse über die politischen und gesellschaftlichen Triebkräfte und Rahmenbedingungen der mittelalterlichen Besiedlung Nordfrieslands gewonnen werden, die zum wirtschaftlichen „Aufschwung“ der Region führten, und die Prozesse der Urbanisierung und Deurbanisierung in den dicht besiedelten Marschgebieten untersucht werden. Ein besonderer Schwerpunkt der historischen und archäologischen Forschung wird zudem auf einem möglichen „friesischen Modus Operandi“ hinsichtlich der Techniken und Prozesse hinter der Landgewinnung und den Siedlungsmustern liegen.
Für Nordfriesland deuten historische Quellen darauf hin, dass der Wohlstand der Region im Mittelalter teilweise auf einer intensiven landwirtschaftlichen Nutzung der Küstenlandschaft beruhte; bislang fehlen jedoch empirische Belege hinsichtlich der Art und Intensität der landwirtschaftlichen Aktivitäten des Menschen. Die kombinierte Analyse von fäkalen Lipidmarkern (FLM) und alter Sediment-DNA (sedDNA) in Sedimenten aus mittelalterlichen Bodenoberflächen bietet eine vielversprechende Methode zur Rekonstruktion früherer Landnutzungspraktiken im Hinblick auf Ackerbau oder Viehzucht für den Eigenbedarf oder sogar für den Handel
Die Entwicklung einer Dateninfrastruktur für TORF, die ein verteiltes Ökosystem von Forschungsdaten innerhalb der einzelnen Teilprojekte (z. B. strukturierte und unstrukturierte Daten, Bilddaten, räumliche Daten, Medien) abdeckt, ist unerlässlich, um Synergien zwischen den Teilprojekten zu fördern und sicherzustellen, dass die TORF-Daten gemäß den FAIR-Prinzipien zugänglich sind. Zudem trägt die räumliche Datenanalyse dazu bei, ein umfassendes Modell des mittelalterlichen Nordfrieslands zu erstellen, das auf der Auswertung von Luftbildern, digitalen Orthofotos, historischen Karten, LIDAR- und Satellitendaten sowie seismischen Prospektionsergebnissen basiert, z. B. durch die Anwendung von Struktur- und Elementerkennungsmethoden.
Majchczack, B., Blankenfeldt, R., Hadler, H., Wilken, D., Schnakenberg, K., Bäumler, S., Klooß, S., Reiß, A., Bienen-Scholt, D., Vött, A.
2025
Hadler, H., Reiß, A., Willershäuser, T., Wilken, D., Blankenfeldt, R., Majchczack, B., Klooß, S., Ickerodt, U., Vött, A.
2025
Wilken, D., Hadler, H., Majchczack, B., Blankenfeldt, R., Auge, A., Bäumler, S., Bienen-Scholt, D., Ickerodt, U., Klooß, S., Reiß, A., Willershäuser, T., Rabbel, W., Vött, A.
2024
Blankenfeldt, R., Klooß, S., Hadler, H., Majchczack, B.S., Wilken D & Bienen-Scholt, D.
2022
Reiß, A., Hadler, H., Wilken, D., Majchczack, B.S., Blanken-feldt, R., Bäumler, S., Ickerodt, U., Klooß, S., Willershäuser, T., Rabbel, W., Vött, A.
2025
Majchczack, B., Blankenfeldt, R., Bienen-Scholt, D., Hadler, H., Jürgens, F., Klooß, S., Reiß, A., Wilken, D., von Carnap-Bornheim, C., Rabbel, W., Vött, A.
2024
Wilken, D., Hadler, H., Wunderlich, T., Majchczack, B., Schwardt, M., Fediuk, A., Fischer, P., Willershäuser, T., Klooß, S., Vött, A., Rabbel, W.
2022
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